Der Moment,…

… in dem man von seinem Therapeuten gesagt bekommt, man möge doch bitte seinen Partner zu einer der nächsten Therapiestunden mitbringen. Weil er ihm gerne ein paar „Verhaltensregeln“ mit auf dem Weg geben wollen würde.

Zum Beispiel, dass es wichtig wäre, Menschen mit multipler Persönlichkeit immer als „einen Menschen“ zu behandeln. Dass es wichtig wäre, nur mit einer (vermeintlichen „Haupt“-)Persönlichkeit zu kommunizieren. Und alle anderen möglichst wenig bis gar nicht zu beachten. Und dass es vor allem wichtig wäre, jüngere Andere wie Erwachsene zu behandeln. Ihnen bloß keine übermäßige Aufmerksamkeit zu schenken. Weil dies die „Spaltung verstärken würde“ und eine „Gefahr vermehrter Aufmerksamkeit im Sinne eines sekundären Krankheitsgewinns“ bestünde…

Wenn man immer möglichst unauffällig gelebt hat. Nahezu niemandem je von dem Viele-Sein erzählt hat. Wenn man sich in einer schwierigen Situation befindet. In der Persönlichkeitswechsel kaum beeinflussbar sind. In der wesentlich häufiger als jüngere Andere vor allem andere Andere nach außen treten. Und wenn einem seit jeher von Täter*innen in diversen Situationen aus diversen Gründen vermittelt wurde, man habe sich (bei Schmerzen, Symptomen etc.) zusammenzureißen, wolle ja nur Aufmerksamkeit…

Dann trifft dieser Moment, wenn der Therapeut so etwas sagt. Wie ein Schlag trifft einen dieser Moment. Wie viele Schläge. Auf das Da-Sein. Auf das Viele-Sein, das derzeit vor allem viele Schwierigkeiten mit sich bringt.

Und dann purzelt alles_innen zuerst durcheinander, fällt anschließend in sich zusammen und begibt sich letztlich in Positionen, die zuletzt eingenommen wurden, als noch Kontakt zu Täter*innen bestand.

Und dann steht man da. Hat Angst. Fühlt sich verwundet. Unverstanden. Verzweifelt. Wie bestellt und nicht abgeholt steht man da. Oder jedenfalls nicht dort abgeholt, wo man steht. Eher genau dort, wo man eigentlich nie mehr stehen wollte.

(Und dann zieht man in Anbetracht des ohnehin katastrophalen Therapieverlaufs im letzten Dreivierteljahr tatsächlich zum ersten Mal ernsthaft die Möglichkeit eines Therapeutenwechsels in Betracht.)

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Die unerfüllbarste Sehnsucht

Ich drücke es immer so aus: Da gab_gibt es zwei Menschen, die uns (er-)zeugten. Bei dem einem wuchsen wir auf. Bei dem anderem nicht. Jetzt ist einer von beiden tot. Und einer weit weg.

Wir sind niemandes Kind(er).
Wir haben keine Eltern.
So ist das.
Nicht mehr oder weniger.
Geschweige denn irgendetwas anderes.

Ich selbst würde meine Formulierungen als relativ sachlich bezeichnen. Und eigentlich würde ich gerade gerne noch hinzufügen, dass auch meine Einstellung zu dem Eltern-Kind-Thema durch und durch rational, auf jeden Fall unemotional ist. Aber das wäre eine Lüge. Denn meine Worte schaffen nur etwas Distanz zu der Empfindung, die sich hinter ihnen verbirgt. Sehnsucht*. Ihr nachgebend werde ich schwach und verletzlich und traurig:

Einmal möchte ich mich so fühlen wie jemand, der Eltern hat. Wie ein aufrichtig geliebtes, wohlwollend umsorgtes, mit Zuneigung und Freundlichkeit bedachtes Kind. Tatsächlich kann ich mir nicht mal vorstellen, wie sich das anfühlen würde – Eltern zu haben. Kind zu sein. Aber was gäbe ich dafür, es zu wissen. Wenigstens einmal. Für einen ganz kleinen Augenblick.

(* die unerfüllbarste Sehnsucht, die ich je hatte)

Traum.Trauer.Raum

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Du lebst noch
und der Traum ist tot,
zerbrechlich und zerbrochen,

wie Träume sind
und Lebende
nach dem Tod der Toten.

Du lebst
und bist so unbeschützt,
so unbeschützbar,

wie alle Lebenden
die lange im Grab
eines Traums gelegen haben.

[Hilde Domin]

Hungrig/müde/kränklich/traurig – meistens fällt es mir schwer, diese Empfindungen auseinanderzuhalten. Deshalb verging heute einige Zeit, bis ich verstand, was mich irgendwie so unwohl fühlen ließ.

Nach einer Weile wurde mir bewusst: Heute, an diesem unspektakulären, größtenteils sonnigen Sonntag, machte mich meine Traurigkeit so traurig, dass ich sie körperlich spüren konnte.

Nach einer weiteren Weile des Nachdenkens und -fühlens wurde mir auch der Grund für die Traurigkeit klar: Ich trauerte um meinen Traum. Um diesen einen, ganz besonderen Traum vom Wie-es-werden-sollte. (Das Leben. Meine Wünsche und Ziele im Leben. Wenn/wenn nicht…)

Die Trauer trieb mich den ganzen restlichen Tag um. Sie war, ist sehr schmerzhaft. Und dabei gleichzeitig auch einfach ekelhaft. (Wie-es-hätte-sein-können… wie (eigentlich) unlogisch, darum zu trauern. Hätte-hätte-Fahrradkette und so weiter.) Doch trotzdem erscheint sie mir nicht sinnlos.

Denn vielleicht kann sie eine Begleiterin sein oder werden, die dabei hilft, sich letztlich von dem alten, längst gestorbenen Traum zu lösen. Vielleicht kann durch sie, mit ihr, nach und nach ein neuer Raum geschaffen werden – für das, was da ist. Für das Wie-es-ist. (Und vielleicht dann ja sogar für einen neuen Traum, der mir be.schützend zur Seite steht…?)

Geordnetes Chaos

Eine*r macht einen Spaziergang.

Jemand hat heftige Kopfschmerzen.

Eine*r ist – zum ersten Mal seit langem – traurig über das in diesem Leben nie Dagewesene und unwiederbringlich Verlorene.

Jemand bereitet das Abendbrot zu und führt währenddessen Zwangshandlungen aus, die für eine*n Andere*n dabei  wichtig, notwendig sind.

Eine*r und Andere diskutieren mit dem Freund über ein seit Jahren immer wieder aufkommendes Dauerdiskussionsthema.

Jemand weint, weil besagtes Diskussionsthema an etwas Vergangenes erinnert, das sich überhaupt nicht vergangen anfühlt.

Eine*r liest Buchrezensionen und erwägt den Kauf eines Romans.

Jemand singt jemandem zur Beruhigung etwas vor, Andere hören zu.

Eine*r und Andere lassen den nachmittäglichen Begleitermenschen-Termin Revue passieren.

Jemand ist erleichtert und freut sich ein bisschen über eine kürzlich erhaltene, gute Nachricht.

Eine*r kopiert den obigen Text in das Schreibfenster der WordPress-App, um noch ein bisschen eigenen Senf dazuzugeben und das Ganze in Kürze als Blogbeitrag zu veröffentlichen.

_

Die Erlebensspanne eines Abends – beziehungsweise ein Versuch, den gestrigen Abend zu be-schreiben. Ursprünglich aus der Absicht heraus, selbst mal einen anderen, neuen Ein- und Überblick zu bekommen. Ich finde, so im Nachhinein hier zusammengefasst wirkt es irgendwie… wie Chaos.
Aber tatsächlich war es nicht chaotisch. Eher verlief der Abend, zumindest im Außen und meinem Empfinden nach, relativ „sortiert“ und strukturiert.

Seltsam, diese Diskrepanz.

Selbst(Verständnis)Verlust

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Viel mehr um

als über

mein (Er-)Leben

schreibe ich.

So fühlt es sich an. Seit die Worte wieder zurück sind, versuche ich, mich an ihnen festzuhalten, nein, eher schon festzuklammern. Weil ich so haltlos (geworden) bin. Verloren. Weit weg. Getrennt von der Welt, von mir, von Anderen; verbunden nur mit der Vorstellung.Befürchtung, mich – oder für die ich mich hielt – vollends zu verlieren. In der schmerzhaft deutlich wahrgenommenen Veränderung zu verschwinden.

Ich will mein Bild von mir nicht loslassen.

Doch wahrscheinlich.sicherlich.tatsächlich hat sich mein Bild längst selbst von mir gelöst. Ob ich das nun wahrhaben möchte oder nicht. 

Es wird nie mehr so werden wie vorher.

Ich werde nie mehr so sein wie vorher.

Weder noch, aber vielleicht

Reden ist nicht Silber.
Und Schweigen ist auch nicht Gold,
sondern ein Schutz, denn
sprechen/schreiben heißt
sich zeigen,
sichtbar(er) werden.
Sich verwundbar machen,
und, vielleicht, verwundet werden.

Reden ist nicht Silber.
Und Schweigen ist auch nicht Gold,
sondern ein Hindernis, denn
sprechen/schreiben heißt
sich mit-teilen,
offen(er) werden.
Sich verständlich machen,
und, vielleicht, verstanden werden.